Begriffe und Konzepte

„Was für ein Drama…!“

Im Alltag verwenden wir das Wort „Drama“ in der Regel einerseits im übertragenen Sinn für ein tragisches, kompliziertes Geschehen, andererseits für die betreffende literarische Gattung. Wann und in welchem Zusammenhang habt ihr es zuletzt verwendet? Bei mir ist es noch nicht lange her: ich wollte damit ausdrücken, dass ich eine erfundene Geschichte als sehr tragi(komi)sch empfand – vielleicht als etwas übertrieben…

Drama in der Kunsttherapie

Im Kontext der Kunsttherapie steht die ursprüngliche altgriechische Bedeutung von „Drama“  als Handlung/Aktion im Zentrum. Das menschliche Tun bzw. „so tun als ob“ wird dabei als Grundlage für therapeutische Prozesse genutzt. Wenn ich jemandem nur kurz von meiner Ausbildung in Dramatherapie erzähle, nenne ich der einfacheren Verständlichkeit halber v.a. das Rollenspiel und Theaterkonzepte als Arbeitsform bzw. -basis. Darüber hinaus umfasst die Dramatherapie jedoch vieles mehr: Texte aller Art als Ausgangspunkt für Handlungen und ein ganzes Spektrum an projektiven Techniken wie z.B. Malen, Miniaturwelten, Geschichtenerzählen, kreatives Schreiben usw. gehören ebenso dazu wie Körperarbeit (embodiment). Somit existieren mitunter auch zwischen der Dramatherapie und der Poesie-(und Biblio-)therapie bzw. dem biografischen und kreativen Schreiben generell vielfältige Synergien.

Dramatische Realität

Das Phänomen der dramatischen Realität bildet nun gewissermassen das Kernstück bzw. die Basis für die dramatherapeutische Arbeit. Ihr Pendant ist die Alltagsrealität, in der wir die meiste Zeit verbringen. Die dramatische Realität kann als symbolische, imaginative Welt bezeichnet werden, die sich aber – im Unterschied zur „blossen“ Fantasie als innere, rein subjektive Erfahrung – zugleich im Hier und Jetzt manifestiert und deshalb realen Charakter hat. Dramatische Realität ist also „manifestierte Imagination“, oder mit anderen Worten eine Welt innerhalb der Welt, oder die Konkretisierung des Virtuellen. Sie ist von einem Schöpfungsakt und geteilter Erfahrung gekennzeichnet, ist real und nicht real zugleich (ein „verkörpertes Konstrukt“), und frei von den Begrenzungen der Alltagsrealität – alles ist möglich. Als Instrument zur Regulierung der Distanz gegenüber den eigenen Gefühlen, Gedanken und dem physischen Selbstbild („ ästhetische Distanz“) verfügt sie zudem über eine in therapeutischer Hinsicht besonders wichtige reflektive Eigenschaft.

Erscheinungsformen dramatischer Realität

Für die Abgrenzung von dramatischer und Alltagsrealität bezieht sich Susana Pendzik auf die sieben Darstellungsformen nach R. Schechner. Es sind dies Theater, Tanz und Musik als ästhetische Genres sowie Ritual, Rollenspiel, Spiel und Sport. Sie alle weisen Gemeinsamkeiten in Bezug auf verschiedene Aspekte der Realität auf. So verläuft die Zeit in ihnen nicht linear und uniform; es wird Dingen Bedeutung beigemessen, die sie im Alltag nicht besitzen; sie stehen jenseits von produktiver Arbeit; sie sind von bestimmten Regeln, Traditionen oder Konventionen geprägt; und sie finden meist in einem besonderen oder eigens dafür geschaffenen Raum bzw. Ort statt. Obschon sich die ästhetischen Genres, symbolisches Spiel und Rituale oft besser für therapeutische Interventionen eignen, können je nach Kontext und Nutzung der entstehenden „Meta-Realität“ auch Spiel und Sport eine entsprechende Basis schaffen.

4 Gedanken zu “Begriffe und Konzepte

  1. Liebe Eliane,
    wie oft sagt man „was für ein Drama“ im Alltag so leichthin und denkt sich nichts dabei, da ist es gut zunächst einmal Begrifflichkeiten zu klären.
    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Meine liebe Buckel-ß-liebende Anne :-),
    dankeschön für Deine Gedanken zu meinen Begriffserklärungsversuchen. Ja, in der Alltagssprache ist das Wort Drama ja meist negativ konnotiert… Das schreckt dann die Zuhörenden zum Teil erstmal ein wenig ab, wenn man von dieser Ausbildung erzählt ;-). In Deutschland ist übrigens, soviel ich weiß, der Ausdruck „Theatertherapie“ gebräuchlicher – wobei sich aber die Konzepte der in Deutschland etablierten Theatertherapie vom Ansatz der Dramatherapie, wie sie in der Schweiz gelehrt wird, offenbar in verschiedener Hinsicht unterscheiden.
    Gute Nacht und liebe Grüße
    Eliane

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  3. Liebe Eliane, spannend mich so mit dem Wort Drama zu beschäftigen und zu erleben, was noch alles am Realität dahinter stecken kann, welche Dramen im Drama stecken…
    Bin sehr gespannt auf deine weiteren Beiträge,
    herzliche Grüße,
    Sabine

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